Die USA töten einen (um genau zu sein den) hochrangigen iranischen General. Die Welt ist in Aufruhr. Wichtig war der Vorfall tatsächlich, doch aus anderen Gründen, als viele Beobachter annehmen. Die Angst vor einem Krieg ist unverhältnismäßig, die vor einem Dritten Weltkrieg hysterisch.

Quelle: AFP/Getty

In 150 Worten: Kein Krieg, dafür mehr Schachspiel

  • Weder die USA noch Iran haben Interesse an einem Krieg und werden ihn vermeiden.
  • Für einen Krieg müsste sich eine Seite massiv verschätzen.
  • Iran wird die Tötung auf jeden Fall vergelten, doch das wird begrenzt bleiben.
  • Die wahre Frage ist, was aus Irans Einflussnahme in der Region wird. Eines von drei Szenarien tritt ein:
    • Status Quo: Nach einer isolierten Vergeltungsaktion bleibt alles beim Alten.
    • Einschüchterung: Nach einer isolierten Vergeltungsaktion wird Iran etwas zurückstecken, weil die USA glaubwürdig eine härtere Gangart signalisieren konnten.
    • Ausweitung: Der Tod Suleimanis gibt Iran das politische Kapital, um noch aggressiver zu agieren: Die Einflussnahme auf Nachbarstaaten wächst, die Attacken gegen die USA, Saudi-Arabien und Israel nehmen zu.
  • Kurzfristig dürften die USA ihr Ziel erreicht haben, den Iran zu schwächen.
  • Doch die verschlechterte Sicherheitslage zieht die USA tiefer in den Strudel und wird mittelfristig doch mehr amerikanische Leben kosten – und den Nahen Osten weiter destabilisieren.

Was passiert ist

Am 3. Januar stieg General Quassem Suleimani am Flughafen Bagdad in ein Fahrzeug, gemeinsam mit Abu Mahdi al-Muhandis, dem Anführer der irakischen, aber unter iranischer Fittiche agierenden Miliz Kataib Hizbullah. Sich so offen – und zu zweit – zu bewegen war ein bemerkenswertes Risiko. Eine amerikanische Drohne feuerte auf das Fahrzeug und tötete beide Männer sowie acht weitere Iraker und Iraner.

Der Hintergrund:

  • Die USA bezeichnen den Angriff als Reaktion auf von der Kataib Hizbullah aufgepeitschte Proteste und Versuche, die US-Botschaft in Bagdad zu stürmen.
  • Das wiederum war laut der Miliz die Vergeltung für einen amerikanischen Drohnenangriff, der 25 Milizionäre getötet hatte.
  • …laut USA die Konsequenz aus Raketenangriffen auf eine irakische Militärbasis, bei welchen ein Amerikaner ums Leben gekommen war.

Was du wissen musst, um die Lage zu verstehen

Iran ist verfeindet mit den Regionalmächten USA, Saudi-Arabien und Israel. Da das Land in einem direkten militärischen (oder wirtschaftlichen) Konflikt keinerlei Chance hätte, setzt es auf einen anderen Weg, seinen Einfluss in der Region zu festigen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Iran Einfluss auf seine kleineren Nachbarstaaten nimmt, insbesondere Irak, Syrien, Libanon und Jemen. Und ist damit so erfolgreich, dass es maßgeblich auf die Politik in diesen Staaten einwirken kann. Um seinen Einfluss zu zeigen – oder auf nicht genehme Entwicklungen zu reagieren – nutzt Iran asymmetrische Kriegsführung.

In der Regel setzt Iran auf sogenannte „Proxies“: Wenn eine irakische Miliz, die von Iran gesteuert wird, US-Truppen im Irak attackiert, dann kann Teheran rein offiziell die Schuld abweisen. So lässt sich ein klares Signal senden, ohne direkt einen Krieg riskieren zu müssen (unten eine Liste mit Aktivitäten).

Für die USA, Israel und die Golfstaaten ist das ein Problem: Wie sollen sie auf solche Aggression reagieren?

Gut zu wissen: Es gibt des Öfteren Nachrichten, wonach Israel Ziele in Syrien bombardiert habe. Was damit in fast allen Fällen gemeint ist: Israel hat iranische Infrastruktur in Syrien bombardiert.

Bislang reagierten die USA fast schon vorsichtig und richteten sich fast ausschließlich gegen die Proxies, nicht gegen Iran. Mit der Tötung von Suleimani haben sie das Spiel geändert.

Warum Suleimani wichtig war, oder: Was die Quds alles getrieben hat

Quassem Suleimani war der Anführer der Quds-Brigade (abgeleitet vom arabischen Namen für Jerusalem). Sie ist ein Mix aus Geheimdienst, Außenministerium und Elitetruppe. Sie hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als verlängerter Arm Teherans im ganzen Nahen Osten gemacht. Sie ist mutmaßlich dafür zuständig…

  • Proiranische Milizen im Irak aufzubauen; den iranischen Einfluss in der Politik in Bagdad zu zementieren; während der US-Besatzung Milizen für Anschläge auf amerikanische Ziele vorbereitet zu haben.
  • In Syrien die Assad-Regierung zu unterstützen und militärische Infrastruktur in das Land zu verschieben; aus Syrien heraus Nadelstiche gegen Israel durchzuführen.
  • Im Libanon die islamistische Hizbollah-Miliz militärisch und politisch zu unterstützen.
  • Im Jemen die Huthi-Rebellen gegen die Zentralregierung und die von Saudi-Arabien geführte Koalition zu stärken.
  • Proiranische Kräfte innerhalb der Hamas im Gazastreifen gegen andere Palästinensergruppen und Israel zu unterstützen.
  • Den Schiffsverkehr im Persischen Golf gestört und die saudi-arabische Ölproduktion attackiert zu haben.
  • Taliban-Kräfte in Afghanistan zu unterstützen und afghanische Politiker zu bedrohen.

Gut zu wissen: Der große Einfluss des Irans auf den Irak wurde auch von der US-Armee anerkannt: In einem 700-seitigen Report räumt sie ein, dass der einzige große Sieger aus der Besetzung des Iraks der Iran gewesen sei.

Jenseits ihrer regionalen Aktivitäten, wird der Quds auch vorgeworfen…

  • In Europa aktiv gewesen zu sein: Agenten der Quds hätten Anschlagsziele in Deutschland und Frankreich ausgekundschaftet, um diese im Kriegsfall angreifen zu können. Außerdem hätten sie israelische und jüdische Ziele ausspioniert.
  • In Indien in einen Bombenangriff gegen einen israelischen Diplomaten im Jahr 2012 verwickelt gewesen zu sein
  • In den USA geplant zu haben, den saudi-arabischen Botschafter umzubringen sowie die Botschaften Saudi-Arabiens und Israels anzugreifen.
  • In Venezuela bereits seit 2009 die Chavez- und Maduro-Regierungen zu unterstützen.

Was das Suleimani-Attentat für den Iran bedeutet

Es ist nicht zu viel zu sagen, dass die Quds-Brigade die Politik der Region massiv beeinflusst hat. Ohne die jahrzehntelange, effiziente Arbeit von Suleimani wären Hizbollah, Huthis, Assad und Iraks Premier Abdul-Mahdi mit Sicherheit nicht dort, wo sie heute sind.

Gut zu wissen: Die iranischen Botschafter für Irak, Libanon und Syrien werden nicht vom Außenministerium, sondern von der Revolutionsgarde – in deren Kern die Quds-Brigade steht – bestimmt.

Suleimanis Tod ist deswegen ein signifikanter Rückschlag für die iranische Regierung. Nicht nur, dass ein brillanter Stratege in der eigenen Außenpolitik mit unvergleichbarem Netzwerk und der Fähigkeit, es zu managen, wegfällt: Der General war daheim im Iran eine äußerst bekannte Figur. Wenn Oberster Führer Khamenei und Präsident Rohani in ihrer Bekanntheit hierzulande einer Kanzlerin Merkel entsprechen würden, dann wäre Suleimani ein… Horst Seehofer? Ein Christian Lindner? Sehr bekannt, also.

Bekanntheit heißt im Falle von Suleimani durchaus auch Beliebtheit. So schattenhaft er auch war, so volksnah trat er gleichzeitig auf. Für gewöhnliche Soldaten im Iran war Suleimani eine Ikone; kaum ein Iraner dürfte auf mehr Selfies auftauchen. Teheran hat also keine andere Wahl, als in der Kommunikation über Suleimanis Tötung in die Offensive zu gehen. Vertuschen oder Herunterspielen lässt sich der Vorfall nicht.

Gut zu wissen: Suleimanis Beliebtheit war keineswegs universell: Seine Nähe zum System – er berichtete direkt an den Obersten Führer Khamenei und wurde manchmal von Beobachtern als „Vizekönig“ bezeichnet – machte ihn unter den prodemokratischen, oppositionellen Iranern zur Hassfigur.

Warum ein Krieg unwahrscheinlich ist und was stattdessen passieren wird

Ergibt es dann also nicht Sinn, anzunehmen, dass der Iran Suleimanis Tod massiv vergelten wird und bald amerikanische Kriegsschiffe im Persischen Golf versenkt? Nein, denn einen offenen Konflikt mit den USA kann sich Teheran nach wie vor nicht leisten. Was stattdessen passieren wird, ist das, was ohnehin bereits seit Jahren passiert: Iran wird seine Proxies – also die Milizen im Irak, in Syrien und anderswo – nutzen, um amerikanische Ziele zu attackieren. Das Label „Iran“ wird an den Trümmern zwar deutlich, aber eben nicht explizit erkennbar sein.

Dass der Suleimani-Anschlag eine blutige Reaktion nach sich ziehen wird, steht außer Zweifel. Erste Vergeltungsaktionen haben scheinbar bereits begonnen. Doch bei dieser „Einzelvergeltung“ wird es bleiben. Die größere Frage ist: Wird Iran sein Schachspiel in den Nachbarstaaten nun intensivieren?

Dafür spricht, dass der Tod des Topgenerals den Hardlinern in Teheran entgegenkommt. Er wird helfen, das zerstrittene Land zumindest temporär zu einen. Das bietet den notwendigen politischen Rückhalt, um die asymmetrische Kriegsführung im Nahen Osten auszuweiten und mehr Risiko einzugehen. Daraus würden zwei Dinge folgen: Der Iran würde seinen Einfluss in Irak, Libanon, Syrien und Co. ausweiten und die USA, Israel und Saudi-Arabien noch stärker ärgern.

Gegen eine Ausweitung spricht, dass der US-Angriff die Kosten-Nutzen-Rechnung für Teheran verschlechtert. Denn eine derart robuste Reaktion Washingtons auf Irans Aktivitäten in der Nachbarschaft ist neu. Und das Eis ist dünn: Ein falscher Schritt und Iran zwingt die USA in einen bewaffneten Konflikt. Jeder Nadelstich könnte zum unkalkulierbaren Risiko werden.

Doch selbst wenn Iran kalte Füße kriegen sollte: Reduzieren würde er nicht seine politische Einflussnahme in Beirut, Damaskus und anderswo – sondern nur die aggressiven Handlungen seiner Milizen im Irak und Syrien. Also das, was sichtbar genug ist, um mit Drohnenangriffen vergolten zu werden. Das wäre akut gut für Amerikaner (und Iraker) im Irak, ändert mittelfristig aber nichts an der Situation vor Ort und Irans Einfluss in den Konflikten des Nahen Ostens.

Dazu kommt die Eigendynamik des Anschlags. Im Irak war Suleimani zwar bei Anti-Iranern verhasst, doch bei Pro-Iranern beliebt. Sein Ableben führte zu Feiereien und Protesten in den Städten Iraks. Angefacht von gut organisierten, proiranischen Milizen dürfte zweitere Gruppe mehr Schlagkraft entfalten. Die Sicherheitslage im Irak würde also schlechter werden, ganz unabhängig von direkten Entscheidungen Teherans. Und Iraks Politik hat gar keine andere Wahl, als verärgert auf die unabgesprochene Aktion der USA zu reagieren.

Eine verschlechterte Sicherheitslage im Irak? Potenziell aggressiveres Vorgehen iranischer Proxies in der Region? Der Plan der USA, sich aus dem Nahen Osten schrittweise zurückzuziehen, wäre dann mindestens auf Monate, womöglich auf Jahre verschoben. Kein Wunder, dass Washington die Zahl der Truppen bereits erhöht hat.

Welche Wege dennoch zum Krieg führen würden

Völlig ausgeschlossen ist ein Krieg nicht. Die Hauptgefahr ist, dass eine der beiden Seiten (auch die USA haben kein Interesse an einem Krieg mit Iran) falsch rechnet und die Hand der anderen zwingt. Sowohl Irans akute Reaktion auf den Suleiman-Anschlag als auch ein aggressiveres Auftreten in der Region bergen Eskalationspotenzial.

Ein Szenario wäre, dass proiranische Milizen im Irak einen Großangriff auf die US-Botschaft in Bagdad starten, das Gebäude dieses Mal erfolgreich einnehmen und amerikanische Diplomaten töten und als Geiseln nehmen. Die USA würden direkt gegen den Iran vorgehen und beispielsweise eine iranische Militärbasis bombardieren. Das könnte Teheran zwingen, seine regulären Truppen einzusetzen. Dann würde ein vollwertiger Krieg entstehen.

Das ist allerdings erstmal hypothetisch. In der Praxis würden beide Seiten an mehreren Punkten der Eskalation versuchen, gegenzusteuern.

Deswegen bleibt das Fazit: Eine weitere Destabilisierung der Region ist wahrscheinlich, ein offener Krieg zwischen den USA und Iran unwahrscheinlich. Die Leidtragenden sind neben Amerikanern in der Region vor allem die Menschen im Irak.

Zusammengefasst: Die Tötung Suleimanis ist weniger wichtig, weil sie einen Krieg auslösen könnte, sondern viel mehr, weil sie das Potenzial hat, die regionale Dynamik komplizierter zu machen.

Zum Abschluss: Man sollte nicht überschätzen, was der Abschuss über die Kompetenz der trumpschen Militärpolitik aussagt: Suleimani führte seine geheimen Operationen paradoxerweise derart offen aus, dass spätestens seit 2007 ein Fallbeil (bzw. eine Drohne) über ihm hing. Bush Jr. und Obama lehnten mehrfach eine Tötung Suleimanis ab. Trump hat sich nun anders entschieden. Ein großer Geheimdienst-Coup war es keineswegs.

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